„Kurt Tucholsky“ zur Finanzkrise

29. Oktober 2008 | Von | Kategorie: Teleskop

Durch das Internet geisterte die Meldung, Kurt Tucholsky habe 1930 das folgende Gedicht in der „Weltbühne“ veröffentlicht :

 

„Wenn die Börsenkurse fallen,

regt sich der Kummer fast bei allen,

aber manche blühen auf:

Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben

Dinge, die sie gar nicht haben,

treten selbst den Absturz los,

den sie brauchen – echt famos!

Leichter noch bei solchen Taten

Tun sie sich bei Derivaten:

Wenn Papier den Wert frisiert,

wird die Wirkung potenziert.

Wenn in Folge Banken krachen,

haben Sparer nichts zu lachen,

und die Hypothek  aufs Haus

heißt, Bewohner müssen raus.

Trifft´s hingegen große Banken,

kommt die ganze Welt ins Wanken –

auch die Spekulantenbrut

zittert jetzt um Hab und Gut!

Soll man das System gefährden?

Da muss eingeschritten werden:

Der Gewinn, der bleibt privat,

die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat Kredite,

und das bringt erneut Profite,

hat man doch in jenem Land

die Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen

Hat der Kleine Mann zu blechen

Und  – das ist das Feine ja –

Nicht nur in Amerika!

Und wenn die Kurse wieder steigen,

fängt von vorne an der Reigen –

ist halt Umverteilung pur,

stets in einer Richtung nur.

Aber sollten sich die Massen

Das mal nimmer bieten lassen,

ist der Ausweg längst bedacht:

Dann wird ein bisschen Krieg gemacht.“

Da hätte  man sehen können, was sich in 78 Jahren verändert hat: Wenig. Leider  wurde das Gedicht tatsächlich nicht 1930 von Tucholsky, sondern unlängst von einem österreichischen Wirtschaftswissenschaftler im Ruhestand namens Kerschhofer verfasst. Außerdem  haben wir soeben am Beispiel VW  gelernt, dass die so genannten Leerverkäufe auch zu gewaltigen Kurssteigerungen  führen können.  Trotz allem: Das Grundproblem ist nicht neu und wird uns zweifellos erhalten bleiben,  nur  die Details ändern sich…..

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