Unsichtbare Kunst

21. Juli 2021 | Von | Kategorie: Mikroskop

Wie die Presse berichtete, wurde bereits im Mai eine unsichtbare Skulptur des  italienischen Künstlers Salvatore Garau von einem Mailänder Auktionshaus für 15.000 Euro versteigert. Die Idee eines unsichtbaren Kunstwerks ist nicht neu; dennoch hat der Vorgang einen Sturm der Entrüstung ausgelöst – was wenig erstaunt, da der Mensch gern missgünstig ist und viele Zeitgenossen materialisierten Kunstobjekten abstrakter Natur gelegentlich die Bemerkung  „Das kann doch jeder!“ anheften würden, wenn sie nicht fürchten müssten, sich damit als Kunstbanausen zu decouvrieren. Der Kunstbetrieb gebärdet sich  nun einmal nahezu  religiös; wer jemals  Einführungsansprachen anlässlich der Eröffnung von Ausstellungen vernommen hat, weiß, mit welch blumenreichen Worten beschrieben werden kann, was der Ödnis zumindest gefährlich nahe ist. Was also spricht nach diesem Kanon für die unsichtbare Skulptur?

Ein Kunstwerk, das die Phantasie beflügelt, gilt seit jeher als besonders wertvoll  – ein Gesichtspunkt, der beispielsweise für das Buch (und gegen Film &  Fernsehen), aber auch bei der bildenden Kunst  immer wieder ins Feld geführt wird. Kann   bereits die  erwähnte abstrakte Kunst nahezu idealer Ausgangspunkt weit gefächerter Deutungen sein,  ist die Vollendung doch  erst erreicht, wenn das Kunstwerk sich ganz in sich zurückzieht.

Die unsichtbare Skulptur  legt der phantasievollen Interpretation  nicht die geringsten Zügel an und gewährt damit eine Freiheit, die in unserer Welt der vorgeblichen Sachzwänge beeindruckend ist.  Jeder Betrachter kann in sie hineindenken und –fühlen, was er will und wozu ihm gerade zumute ist. Der Philosoph wird es anders sehen als der Denkfaule, der Misanthrop wird weniger Freude daran haben als der  Menschenfreund, beim  Morgenmuffel wird es abends  Positiveres hervorrufen als morgens, – eine Aufzählung von Möglichkeiten, die sich zumindest bis an den Rand des Unendlichen fortsetzen ließe.

Mit den genannten Vorzügen der unsichtbaren  Skulptur untrennbar verknüpft  sind andere Vorteile, auf die Garau genüsslich hinweist:  Die Kreation des Kunstwerks verbraucht keine kostbaren Rohstoffe und außer einer doch wohl überschaubaren Menge  von Gehirnschmalz bei der Titulierung des jeweiligen Oeuvres keine Energie  welcher Herkunft  immer. Auch ist der Transport nicht aufwendig,  und das Kunstobjekt muss vorher nicht sorgfältig verpackt werden. Schließlich besetzt die unsichtbare Skulptur bei der Aufstellung unter Dach keine heutzutage kostspieligen Quadrat- und Kubikmeter. 

Die unsichtbare Skulptur ist überdies potentiell beispielgebend, man denke nur an das herrliche Bild, das auf weisser Leinwand frei von jeder Zeichnung oder Malerei vollendet wird, an einen spannenden Roman mit mindestens 849 womöglich nummerierten, aber unbeschriebenen Seiten oder an eine umwerfende, gänzlich noten- und tonlose Klaviersonate, erst recht Symphonie oder Ostermesse, ganz zu schweigen von einem Weihnachtsoratorium. Wie allerdings soll man dabei wahre Künstler von  gewissenlosen Scharlatanen  unterscheiden, die es darauf anlegen, selbst 15000 Euro oder gar mehr zu ergattern,  ohne auch nur annähernd zu leisten, woran Salvatore Garau zweifellos hart gearbeitet hat?

Spätestens hier ist der wirklich entscheidende Punkt erreicht: Den über das unsichtbare oder  unhörbare Kunstwerk Empörten fehlt es trotz des Wirkens von Monty Python selig sichtlich  an dem für ein gelingendes Leben notwendigen  Sinn für  Humor, weshalb  sie  anders Gestrickten auch häufig missmutige  Belehrungen mit auf den Weg geben. Die Befreiung dieser  chronischen Muffler von ihrem mentalen Defizit wäre weit wertvoller als der besagte Versteigerungserlös.

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