Postcorona

10. Juni 2020 | Von | Kategorie: Teleskop

Es mag Wunschdenken sein, aber: Es wird in Deutschland keine zweite, geschweige denn dritte Welle geben, wir haben die Epidemie vielmehr im Wesentlichen hinter uns. Alles Lebendige, auch das Corona-Virus,  ist des Menschen irgendwann überdrüssig. Ein Knackpunkt wird allerdings zunächst das Thema Massenveranstaltungen bleiben. Das betrifft weniger die christlichen Kirchen, die bekanntlich schon lange nicht mehr unter Überfüllung leiden, sondern vor allem Theater, Musik und Sport, etwa Tennis und Fußball.

In der großen Gemeinde der Fußballfans wird die  Vorstellung, es werde noch längere Zeit Geisterspiele geben, weithin Depressionen und Kreislaufbeschwerden auslösen. Was soll man auch immer wieder mit einem  Nachmittag des Wochenendes anfangen, wenn man nicht ins Fußballstadion und einigen jugendlichen  Großverdienern beim Arbeiten zuschauen darf? Da endet die Phantasie bei vielen. Wie unsere Abbildung zeigt, hält die Wirtschaft aber bereits eine Lösung für das Problem bereit: Die Beteiligten werden mit schnellen Schnitten von ihren heillosen oberen Extremitäten befreit, die in Fankörben zwischengelagert und dann entsorgt werden – eine äußerst effektive, die Kopflosigkeit allerdings auf die Spitze treibende, recht schwarzhumorige Vorgehensweise.    

Nun pflegt Außergewöhnliches ja generell die Mängel des Normalen zu beleuchten,  und so wäre bei  Rückkehr des letzteren Gelegenheit, Einiges besser zu machen als zuvor. So könnte man beispielsweise dem zerstörerischen Massentourismus, der bedrohlich nahen Klimakatastrophe und der grotesken finanziellen Ungleichheit, die in jeder Krise vor allem die unzähligen wenig oder gar nicht Betuchten weiter benachteiligt, endlich entschieden zu Leibe rücken.  Aber das werden  die alten Steinreichen und damit Mächtigen im Felde des nahezu weltweiten Kapitalismus, folgsam unterstützt durch die Repräsentanten der Wähler, auch weiterhin zuverlässig verhindern. Was nach Ihrem Tod auf Erden geschieht, ist ihnen eher schnuppe.

Auch in Übrigen wird die Gattung Mensch ihren alten Trott ungerührt fortsetzen. Eine auch nur in Ansätzen selbstkritische Aufarbeitung der Verhaltensweisen der Politik und der Medien in der Krise wird unter dem wärmenden  Mantel des Schweigens ersticken und durch neue Fehler überholt werden.  Die Giganten der Wirtschaft werden weiterhin betrügen, alle möglichen Steuerschlupflöcher nutzen, ihre auch dadurch generierten Gewinne noch in der Krise an die Aktionäre ausschütten und  dennoch die Hand bei denen aufhalten, die brav ihre Steuern bezahlen. Der Exportweltmeister Deutschland wird sich ebenso wie  die anderen früh entwickelten Staaten weiterhin der spätkolonialen Ausbeutung des Südens hingeben. Die Natur wird unverändert systematisch ruiniert werden, wodurch andere, noch größere Pandemien entstehen werden. Die Medien werden all dies wie gewohnt  allenfalls milde kommentieren und vor allem Köpfe mit Unwesentlichem füllen.

Nicht zuletzt: Das  soziale Miteinander der Menschen wird weiterhin durch die „Märkte“ und das mit ihnen einhergehende, gnadenlose  Konkurrenzdenken  unterminiert werden. Die in der Krise gefeierten deutschen Helden und Heldinnen werden daher weiterhin erbärmlich schlecht bezahlt werden; nicht einmal die ihnen versprochene Einmalzahlung von 1.500 Euro werden sie erhalten. Und das Vertrauen in die Demokratie wird auch in Deutschland weiter leiden, zumal Gestalten wie Herr Scheuer und Frau Klöckner ihre Ministerämter weiter bekleiden werden. Das Märchen „Des Königs neue Kleider“ sollte zur allgemeinen Pflichtlektüre werden, auch für die Fußballfans, die bisher nichts lieber tun als in Südkurven herumzugrölen.  

Apropos Massentourismus: Orte wie Venedig, Dubrovnik oder Angkor, die vor der Pandemie völlig überlaufen waren, dürfen demnächst Montags, Donnerstags und Samstags nur noch von Personen besucht werden, deren Name nicht mit einer ungeraden Zahl beginnt.

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