Eindringlinge

20. September 2019 | Von | Kategorie: Boskop

Hier eine Kolumne der „Irish Times“  aus den vierziger Jahren von Flann O’Brien, dem genialen irischen Schriftsteller und Saufkopf (entnommen den „Golden Hours“, Übersetzung Harry Rowohlt):

„Als ich neulich eine Zeitung las, sah ich die Überschrift DREI JAHRE FÜR MANN IM SCHRANK. Ein hartes Urteil, werden Sie sagen, besonders da den meisten Menschen jedes Bewusstsein dafür abgeht, dass es ungesetzlich ist, sich in einen Schrank zu begeben. Viele hochangesehene Richter haben jedoch keinen Zweifel daran gelassen, dass sie entschlossen sind, mit diesen Schrankdelikten aufzuräumen. Bei der Strafverfolgung wird stets nach gewissen vor langer Zeit erlassenen Gesetzen vorgegangen, und zwar nach §§ 11, 18 und 56 Vic.Reg., der sogenannten Schrankregelungsverordnung. Diese teilweise doch etwas veralteten Statuarien wurden später modifiziert, durch das Wandschränkegesetz (1853) aktualisiert und die Spindelverordnung (1893) erweitert. Grattans Parlament, in mancher Hinsicht seiner Zeit voraus, verabschiedete ein Gesetz für kleine Kabinette, doch wurde dies rasch wieder aufgehoben, nachdem etwa achtzigtausend Pfund den Besitzer gewechselt hatten.

Vor hundert Jahren stellte der Schrankwahn noch ein ernstes soziales Problem dar. Es war für ganze Bettlerstämme durchaus üblich, ohne Wissen der dort gemeldeten Familie in den Schränken eines großen Hauses zu wohnen. Diese Mendikanten kamen nachts hervor, aßen und tranken alles weg und zogen sich wieder zurück, wie Gespenster bei Tagesanbruch. Eine Durchsuchung der Schränke enthüllte selten eine Spur der Eindringlinge: Sie waren sämtlich bewanderte Schreiner und hatten meist raffinierte geheime Fächer gebaut, oft mit Aufzügen und Treppchen versehen, die in andere Schränke führten. Täfelungen und Estriche fast all der grandiosen Gebäude des viktorianischen England waren in einer Weise von Bettlern befallen, wie sie heutzutage von Ratten imitiert wird.

Die Spindelverordnung sollte ein anders gelagertes Problem lösen helfen. Zwerge und zu kurz geratene oder verunstaltete Kriminelle machten sich klar, welche eigentümlichen Möglichkeiten ihr Körperbau bot, und befielen nun überaus bescheidene Wohnungen. Die Wandschränke, die sie bezogen, waren zu klein, um irgendwelche strukturellen Veränderungen zuzulassen, doch bediente man sich hier eines Systems, vergleichbar dem Dschungelktrick der Tarnung oder der Mimikry. Der Eindringling nahm listig das Aussehen einer Rolle Linoleum, eines alten Wäschebündels, einer Reisetasche oder sonst eines Gegenstandes an, der zur Umgebung passte. Solche Fälle kamen ans Licht, wenn Zwerge in die Wäscherei geschickt und, ordentlich als Paket verpackt, bei der Herrin des Hauses abgeliefert wurden. Im Jahre 1893 wurde vor dem Königl. Amtsgericht ein Fall verhandelt, in welchem der Haushaltungsvorstand eine Dampfwäscherei auf Erstattung von GBP 48,– verklagte, welche er für einen Zeitraum von zwanzig Jahren nichtsahnend für das Waschen und Bügeln eines weiblichen Zwergs gezahlt hatte. Beschlossen und verkündet: dass die Wäschereirechnungen in Anbetracht der Tatsache, dass die Firma Kleidungsstücke zu einem angemessenen betrag gewaschen und gebügelt hatte und in keiner Weise, weder nach geschriebenem noch nach Gewohnheitsrecht, dazu verpflichtet war, sich durch Augenschein davon zu überzeugen, dass besagte Kleidungsstücke nicht bewohnt waren, zu Recht ausgestellt wurden. Zufällig ergab eine polizeiliche Untersuchung der nämlichen Wohnung, dass dort ein Stamm von 18 ausländischen Zwergen untergekommen war, komplett mit Ehefrauen und Kindern und begleitet von – ausgerechnet – einem grotesken Hund, der dazu abgerichtet war, wie ein altes Waschbecken mit Sprung auszusehen. Es gab ein ziemliches Theater, als sich diese Personen vor Gericht zu verantworten hatten. Der erfahrene Richter sorgte für Aufregung, als er den Gerichtssaal betrat und den Gerichtsdienern befahl, den Unrat zu entfernen, von dem die Gerichtsschreiber und Protokollanten umgeben waren. Er war kaum davon zu überzeugen, dass es sich bei dem Gewirr aus alten Tauen, Eimern, Damenunterwäsche für Radfahrerinnen und defekten Grammophonen um die Beschuldigten handelte. Als ein Waschbecken mit einem Sprung laut knurrend heringeführt wurde, mussten sich seine Ehren kurz zurückziehen, um sich zu sammeln.

Es gab weitere seltsame Fälle. In Dublin wurde enthüllt, dass ein etwas zu groß geratener Zwerg, der einst in den Music Halls als Schlangenmensch gearbeitet hatte, im Schlafzimmerwandschrank eines prominenten Herrn der Gesellschaft Unterkunft gefunden hatte. Dieser Zwerg nahm die Form eines alten Überziehers an, der an einem Haken hing. Unglücklicherweise verlor der Herr eines Tages seinen gewohnten Überzieher und musste sich vorübergehend mit dem Überzieher behelfen, den er so oft in seinem Wandschrank gesehen hatte. Eine volle Woche lang stattete er seine Besuche mit einem Zwerg in den besten Mannesjahren bekleidet ab, den er in Flurgarderoben aufhängte oder Butlern überreichte.

Ja, unser Leben hat viel Farbe eingebüßt. Heute macht sich niemand mehr die Mühe, auch nur wie ein einigermaßen respektabler Ire auszusehen.“

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